Das Vogelschiessen

Im 13. Jahrhundert entstand der Brauch des Vogelschießens zunächst in Flandern und wurde immer mehr zum Volkssport der Schützengilden und Bürgerwehren der freien Städte des Deutschen Reiches, die diese „Streitkräfte“ zu ihrem eigenen Schutz aufstellten. Wurde anfangs auf zum Teil lebendige Papageien und dann auf Hähne mit Armbrust und Bogen geschossen, folgten im 16. Jahrhundert der Adler und die Büchse.

Der Wanfrieder Schützenvogel ist ein prächtiger Doppeladler. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Wanfrieder Schreiner Knierim, angeregt von der Wappenseite eines österreichischen Talers, den heutigen Schützenvogel entworfen. Er ist mit den höchsten heraldischen Symbolen geziert: Gold und Silber, Reichsapfel und Zepter, Kronen und Krallen. Die Farben Hessens (Rot und Weiß) und Preußens (Schwarz und Weiß) deuten auf die damalige politische Zugehörigkeit der Stadt hin. Der Wanfrieder Schützenvogel ist augenscheinlich Ausdruck des starken bürgerlichen Selbstbewusstseins der wohlhabenden Stadt mit ihrem Werrahafen in der damaligen Zeit.

Und heute?

Der Doppeladler mit einer Spannweite von 2,5 Metern, einer Höhe von 2 Metern und einem Gewicht von einem Zentner wird noch immer jedes Jahr neu gebaut und dann von den Schützen während des Festes unter der strengen Aufsicht des Oberschießwartes nach einem komplexen Verfahren Stück für Stück abgeschossen. Derjenige, bei dem das letzte Stück, der Korpus, fällt, ist der neue Schützenkönig, höchster Repräsentant des Vereins und ein Jahr im Amt. Mehrere Tausend Schuss sind erforderlich, um den stolzen Adler „zur Strecke“ zu bringen.